In der liminalen Phase, jetzt

Judith Neunhäuserer

13. Apr — 20. Jun 22

Kunst-Insel am Lenbachplatz

Das Bild zeigt das Innere eines Tunnels aus Eis und Schnee. Er führt auf einer Rampe aus festgetretenem Schnee hinaus in die Sonne und in eisblauen Himmel. Dabei hebt sich das weiße Stahldach über dem Eistunnel und gibt das helle Sonnenlicht frei.

In der liminalen Phase - jetzt © Foto: Judith Neunhäuserer

Liminalität ist die Schwelle zwischen zwei sozialen Ordnungen. Die Menschheit muss den Durchgang zu einer klimagerechten Weltordnung passieren.

In der Anthropologie bezeichnet Liminalität (lat. līmen: “Schwelle”) die Qualität der Mehrdeutigkeit oder Desorientierung, die in der mittleren Phase eines Übergangsrituals auftritt, wenn die Teilnehmenden nicht mehr ihren Status vor dem Ritual innehaben, aber noch nicht den Übergang zu dem Status begonnen haben, den sie nach Abschluss des Rituals innehaben werden. Nach Victor Turner stehen sie “an der Schwelle” zwischen ihrer bisherigen Art, ihre Identität, Zeit oder Gemeinschaft zu strukturieren, und einer neuen Art. Während liminaler Perioden können soziale Hierarchien umgekehrt oder vorübergehend aufgelöst werden, die Kontinuität von Traditionen ungewiss, und zukünftige Ergebnisse, die einst als selbstverständlich galten, in Frage gestellt werden.

Beide Fotografien entstanden 2017 bei einer Expedition zur Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis. Ob sie Ein- oder Ausgänge abbilden, einen Abstieg oder einen Aufstieg darstellen, Rettung oder Verdammnis versprechen bleibt ungewiss. Für mich erzählen diese zwei Fotos vom transitorischen Moment, in dem wir uns befinden. Die Menschheit muss den Durchgang zu einer klimagerechten Weltordnung passieren.

Der 6. Sachstandsbericht des Intergovernmental Panel of Climate Change stellt eindeutig fest, dass eine klimaresiliente Entwicklung bereits beim derzeitigen Erwärmungsniveau eine Herausforderung darstellt. In einigen Regionen wird sie unmöglich sein, wenn die globale Erwärmung 2°C übersteigt. Diese Erkenntnis unterstreicht die Dringlichkeit von Klimamaßnahmen, die sich auf Gleichheit und Gerechtigkeit konzentrieren. Angemessene Finanzierung, Technologietransfer, politisches Engagement und Partnerschaften führen zu einer wirksameren Anpassung an den Klimawandel und zu einer Verringerung der Emissionen. Jede weitere Verzögerung bei konzertierten globalen Maßnahmen wird ein kurzes und sich schnell schließendes Fenster zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft verpassen.

Judith Neunhäuserer, geboren 1990 in Bruneck, lebt und arbeitet in München und Mailand.

Das Bild zeigt das Innere eines Tunnels aus Eis und Schnee. Er führt auf einer Rampe aus festgetretenem Schnee hinaus in die Sonne und in eisblauen Himmel. Dabei hebt sich das weiße Stahldach über dem Eistunnel und gibt das helle Sonnenlicht frei.
Die Menschheit muss den Durchgang zu einer klimagerechten Weltordnung passieren. Jede weitere Verzögerung bei konzertierten globalen Maßnahmen wird ein kurzes und sich schnell schließendes Fenster zur Sicherung einer lebenswerten Zukunft verpassen. © Foto: Judith Neunhäuserer
Man sieht auf einer Baustelle von oben in einen tiefen Schacht hinein, konstruiert aus Holz. In den Schacht hinunter führt eine rote Leiter. Oben am Rand des Schachts befindet sich Eis und Schnee; ein Funkgerät liegt am Schachteingang.
Die Fotografie erzählt vom transitorischen Moment, in dem sich die Menschheit befindet. Sie entstand 2017 bei einer Expedition zur Forschungsstation Neumayer III in der Antarktis. Ob ein Ein- oder Ausgang abgebildet, ein Abstieg oder ein Aufstieg dargestellt ist, bleibt ungewiss. © Foto: Judith Neunhäuserer

Ort

Kunst-Insel am Lenbachplatz

Lenbachplatz
80333 München