Raumfragen e.V. entwickelt partizipative Kunstprojekte, die den öffentlichen Raum gemeinsam mit seinen Nutzer*innen erkunden, aneignen und neu interpretieren. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Orte durch kollektives Handeln anders wahrgenommen werden können. Statt den Stadtraum als unveränderliche Struktur mit festen sozialen Einschreibungen wahrzunehmen, begreift Raumfragen ihn als einen lebendigen Ort, dessen Bedeutung immer wieder neu ausgehandelt werden kann. Das Billboard-Projekt „tierische Nachbarschaft“ greift diesen Ansatz durch zwei dafür speziell in Neuperlach entwickelte Motive auf.
Neuperlach wird in der Außenwahrnehmung häufig mit dem Klischee grauer Plattenbausiedlungen assoziiert. Doch zwischen den Gebäuden liegt ein dichtes Netz aus Wiesen, Bäumen, Wegen und Höfen – Lebensräume, die den Stadtteil ebenso prägen wie seine Architektur. Das Billboard richtet den Blick auf diese Grünräume und auf die unterschiedlichen Lebewesen, die diesen Stadtteil gemeinsam bewohnen.
Ausgangspunkt des Projekts war ein zweitägiger Workshop mit einer Grundschulklasse unter der Leitung der Künstlerin und Raumfragen-Mitglied Verena Seibt. Die Kinder entwickelten abstrahierte Tiermasken und erfanden dazu eigene Tierwesen mit individuellen Eigenschaften. In einer eigens entwickelten Geschichte werden diese Figuren zu den „Stadttieren Neuperlachs“ – Wesen, die den Stadtteil aus einer anderen Perspektive wahrnehmen als wir Menschen.
Am zweiten Workshoptag bewegten sich die Kinder als ihre Tierwesen durch den öffentlichen Raum. Spielerische Situationen wie Der Boden ist Lava, Ochs am Berg oder eine Versammlung der Tiere wurden zum Anlass, Plätze, Wege und Grünflächen in unmittelbarer Umgebung der Schule neu zu erkunden. Die Orte wurden dabei nicht als Kulisse genutzt, sondern durch das gemeinsame Spiel temporär angeeignet und fotografisch neu interpretiert.
Die Bildkomposition verbindet zwei Ebenen: Ein Raster aus Portraits zeigt die Vielfalt der einzelnen Tierwesen und ihrer Charaktere. Ergänzt wird dieses Grid durch großformatige Fotografien, in denen die Kinder als Fabeltierwesen den Stadtraum durchstreifen. Zwischen individueller Identität und kollektiver Aneignung des öffentlichen Raums entsteht so ein vielstimmiges Bild von Neuperlach.
Das Billboard versteht sich als Einladung, den Stadtteil mit anderen Augen zu betrachten. Es erzählt nicht von Neuperlach als Betonlandschaft, sondern von einem Lebensraum, in dem Architektur, Vegetation, Tiere und Menschen untrennbar miteinander verbunden sind. Die Perspektive der Kinder eröffnet dabei einen Blick auf den öffentlichen Raum, der von Fantasie, Aneignung und gemeinschaftlichem Handeln geprägt ist.