Startsignale

Temporäre Kunstprojekte im öffentlichen Raum. Juli – September 22

Olympia 1972 war eine Zäsur für München. Die „heiteren Spiele“ sollten all das sein, was Olympia 1936 in Berlin nicht war: weltoffen und demokratisch, partizipativ und spielerisch. Das Vorhaben gelang. Mit einem fantasievollen Programm griffen Sport und Kultur ineinander, artikulierten offene Utopien und luftige Freiräume. Der Anschlag auf die israelische Mannschaft am 5. September 1972 stellte einen tragischen Einbruch der politischen Realitäten in diese Utopie dar.

Diese fünf Kunstprojekte haben den Wettbewerb „Startsignale“ der Kunst im öffentlichen Raum des Kulturreferats der Landeshauptstadt München gewonnen. In Installationen, Performances, Fotoarbeiten und Lichtprojektionen befassen sie sich mit den Ereignissen, Visonen, Utopien und dem Nachleben von Olympia ´72.

Die Projekte

Nicole Raabe

„Wir haben nur die Kraft eines großen Ideals“

Lichtprojektion
am Olympiasee
16. und 17. September 22, ab Dämmerung bis 1 Uhr

Die Kunstaktion „Wir haben nur die Kraft eines großen Ideals“ betont die Bedeutung des Olympiageländes als Verdichtung der visionären Ideen von 1972. An zwei Sommerabenden werden als Lichtprojektion die Schriftzüge „Freiheit, Offenheit und grenzenlose Freude“ – „Wir haben nur die Kraft eines großen Ideals“ – „Dabeisein ist alles“ über Olympiasee und Olympiaberg streifen. Die Lichtperformance von Nicole Raabe will in ihrer lichten Flüchtigkeit die Aufmerksamkeit der Besucher*innen spielerisch fesseln, Gespräche entstehen lassen und Raum zur gemeinsamen Reflexion bieten. Ist der Spirit von München ´72 in der heutigen Stadt mit ihren Herausforderungen noch zu spüren? Welche Ideale formulieren wir heute, welche Ideen leiten uns?

Nicole Raabe, geboren 1969 Frankfurt/Main, lebt und arbeitet in München.

Olaf Unverzart

„Rundkurs“

Fotografische Spurensuche auf dem Rundkurs des olympischen Radrennens von 1972
Kloster Schäftlarn – Buchenhain – Grünwalder Brücke
15. Juli – 15. September 22

Das fotografische Kunstprojekt „Rundkurs“ von Olaf Unverzart richtet den Blick auf die 22,8 km lange Strecke des olympischen Straßenradrennen mit Start und Ziel in Grünwald, die 8x durchfahren werden musste. Seine Bilder entstehen an und um der damaligen Strecke, die noch existiert. Sie fokussieren sich auf etwas Alltägliches und Unspektakuläres. Die Verbindung zum Wettbewerb von damals, mit tausenden Zuschauern, Helikoptern, Presse, Mannschaftsfahrzeugen und 184 Startern findet imaginär statt. Was zu sehen sein wird stammt aus der Gegenwart mit einem subjektiv, künstlerischen Blick, der das Ereignis von 1972 als Grundlage nimmt, sich dem Thema zu nähern. Als Ergebnis wird eine gedruckte Zeitungsbroschur mit seinen Fotografien in Kombination mit Archivmaterial aus dem Rennen von 1972 entstehen. In drei in München typischen Zeitungskästen entlang der Strecke (Kloster Schäftlarn – Buchenhain – Grünwalder Brücke) wird diese Zeitungsbroschur zur kostenfreien Mitnahme ausliegen.

Olaf Unverzart, geboren 1972 Waldmünchen, lebt und arbeitet in München und der Oberpfalz.

Fanti Baum & Sebastian Klawiter

„5.9.72 –heute kein Programm“

Installation
Olympia-Regattaanlage, Dachauer Straße 35 | 85764 Oberschleißheim
geplanter Zeitraum: August bis Dezember 22

5.9.72 –heute kein Programm. Der Tag markiert eine radikale Unterbrechung. Das Attentat auf das Team der israelischen Mannschaft stellt eine jähe Zäsur der Olympischen Spiele dar. Im Moment des kaum zu fassenden Ereignisses machten die Künstler Peter Mell, Hans Poppel und Uwe Streifeneder einen Siebdruck, der das letzte Zeichen des erstmals stattfindenden Kulturprogramms sein sollte – heute kein programm – 5.9.72 Im Zentrum des Kunstprojekts von Fanti Baum & Sebastian Klawiter steht jener Moment der angehaltenen Zeit. Sie planen einen Neonlicht-Schriftzug im Areal der Kanu- und Ruderregattastrecke anzubringen und wollen so der radikalen Unterbrechung Platz einräumen. Denn der sich selbst aussetzende Satz verweist für Sie auf eine Leerstelle und offene Wunde und vermag die Erinnerung wach zu halten an ein Ereignis, das die Welt erschüttert hat.

Sebastian Klawiter, geboren 1985, lebt und arbeitet in München.
Fanti Baum, geboren 1982 Berlin, lebt und arbeitet in München, Dortmund, Frankfurt.

Thomas Mayfried

„Ohne Titel“

Installation
Olympia-Regattaanlage, Dachauer Straße 35 | 85764 Oberschleißheim
geplanter Zeitraum: 26. August bis Herbst/Winter 22

Die Installation „Ohne Titel“ von Thomas Mayfried lenkt den Blick auf das visuelle Erscheinungsbild der Spiele. Das Gestaltungskonzept von Otl Aicher, der für die politische Utopie von München ´72 unvorstellbar viel leistete, ist im kollektiven Gedächtnis an die fröhliche Stimmung der Spiele ´72 auch durch die zahlreichen Fahnen-Pulks im Stadtraum fest verankert. An 38 Fahnenmasten der Ruderregattastrecke Oberschleißheim, an der historischen Position, der Anhöhe auf der Westseite, wird Thomas Mayfried an das unverwechselbare Design der Spiele erinnern und es für die Betrachter*innen dekonstruieren: Flaggen, die das Gestaltungsraster, den Farbcode, die Typografie des Olympia-Designs und sein hohes sozial-kommunikatives Potential verdeutlichen. Geplanter Zeitraum: 26. August bis Herbst/Winter 2022. Zur Eröffnung oder während der historischen Laufzeit der Olympischen Spiele (26.8.–11.9.2022) ist ein Wochenende Vermittlungsprogramm / Workshop mit Studierenden und Interessierten geplant.

Thomas Mayfried, geboren 1966, lebt und arbeitet in München.

Vincent Mitzev

„In Marks Schatten“

Performance
Olympiaschwimmhalle
29. August – 01. September 22

In der Performance „In Marks Schatten“ schwimmt der Künstler Vincent Mitzev die sieben Olympischen Goldmedaillen des US-amerikanischen Champions Mark Spitz in einem reenactment dieser olympischen Reihe von Siegen nach – genau 50 Jahre später. Nicht die genaue Zeit zu erschwimmen, sondern alles zu geben ist das Herzstück des reenactments! Die Performance erinnert an die heitere Zeit der Spiele vor dem Attentat auf die israelischen Sportler am 5./6. September 1972, ohne dieses auszublenden. Mark Spitz erschwamm seinen letzten Sieg am 4. September vor der Katastrophe und wurde als US Bürger jüdischer Herkunft kurz nach der Entführung in die USA ausgeflogen. Vincent Mitzevs Performance ist eine Hommage an einen Ausnahmesportler, sowie eine persönliche Annäherung an den Olympischen Geist des Wettkampfs, des Dabeiseins und der Vielfalt in all seiner Fragilität und Bedrohtheit. Bei der Performance begrüßt ein Empfangskomitee die Gäste und führt durch die Veranstaltung. Ein kleines dort erhältliches Beiheft liefert zusätzliche Informationen, Fotos und Geschichten. Ab sofort sind die Vorbereitungen auf Vinzent Mitzevs Instagram Account zu verfolgen: @vincent_mitzev_artist

Vincent Mitzev, geboren 1964 in Kazanlak/Bulgarien, lebt und arbeitet in München.